mein tango argentino

 

Tango argentino

eine unendliche Umarmung

 

Damals, also vor ungefähr fünfunddreißig Jahren, fragte mich ein Freund, ob ich Lust hätte, mit ihm in die Ufer-Fabrik zu gehen.

Dort sollte ein Tango-Festival (!?) stattfinden.

 

OK, da ich notorischer Tanzmuffel war, musste er mich schon mal dazu einladen  -natürlich incl. einem Freibier .

 

Ich will die Sache mal auf das Wesentliche beschränken.

 

Ich saß gerade - gemeinsam mit einem Krug Bier - in einem Liegestuhl.

 

Irgendwann erschien dann die damalige Berliner Tango-Szene.

Darunter auch eine Frau (keine Angst, ich nenne keine Namen), die ich mal etwa so beschreiben will: schlank, halblanges blondes Haar, in einem schwarzen Kleid - mit Schlitz bis zur Hüfte und - Netzstrümpfen.

 

Sie fragte, ob sie einen Schluck von meinem Bier bekommen könne, denn sie hätte Durst.

Natatata-türlich, kein Problem - wobei, ich hatte gerade so Sekt und Kerzenlicht vor meinem geistigen Auge. Egal, geistiges Auge zu, die anderen Augen auf und den Arm ausstrecken war jetzt angesagt.

 

Zum Dank für das Bier (?!), setzte sie sich zu mir und erzählte mir ein wenig darüber, wie das so beim Tango läuft (fester Tanzpartner - aber auch Partnerwechsel und so).

Ich bekam von ihren Ausührungen kaum etwas mit - vermutlich wegen dem Kleid bzw. dem darin vorhandenem Schlitz usw.- und auch wegen dem Rest von ihr.

Etwas später dann, fing dann die Musik an. Sie tanzte mit ihrem Partner.

Ich sah ihnen zu und begann, trotz - oder wegen - heruterhängendem Unterkiefer, etwas zu hyperventilieren.

DAS WILL ICH AUCH! - dachte ich - dabei war ich mir nicht sicher, ob ich damit die Frau oder den Tanz meinte; oder doch (?) -.

Schnitt-----

Jahre später ergab sich, durch eine Freundin, die Gelegenheit zu einem Tangokurs an der Volkshochschule Wilmersdorf.

OK, wir fangen an: der Grundschritt (die Base) besteht aus acht Schritten.

Der Mann:

1. mit dem rechten Fuß nach hinten

2. mit dem linken Fuß nach links

3. mit dem rechten Fuß nach vorne - neben der Frau! (Hä??)

4. mit dem linken Fuß nach vorne - ok

5. Schließen - die Frau hat jetzt die Beine gekreuzt (aha!)

6. mit Links nach vorne

7. mit Rechts zur Seite

8 Schließen.

 

Also wir fangen jetzt mal an:

1. äähhh - nach hinten!

2. äähhh - nach links!

3. ok

4. ok

5. ich weiß, schließen - ach ja, die Frau hat jetzt die Beine... - nee hat sie nicht.

Dass Frauen nicht das machen, was ich will, weiß ich aus jahrelanger Erfahrung - aber hier hat das doch die Lehrerin gesagt!

Nun sagte die Lehrerin, ich muss die Frau führen - und die folgt dann (?!) - ups, in meiner Welt, ergab schon der Versuch bisher immer stundenlange Debatten - wo bin ich hier gerade ?

Es folgten etwa eineinhalb Jahre, in denen mir verschiedene Tango-Lehrer/innen versuchten beizubringen, wo ich wann meine Füße hinzustellen habe - und wenn,  obwohl ich das richtig gemacht habe, die Frauen dann immer noch etwas machten, was ich nicht so geplant hatte - war ich dennoch daran schuld - ich fühlte mich wieder wie auf meinem Planeten.

Einige Frauen erzählten mir, sie verstünden nicht, was ich gerade von ihnen will -naja, ich verstand auch oft nicht, was ich eigentlich von denen wollte - weder beim Tangotanzen, noch sonst so.

Nun besuchte ich also weiter Tango-Schulen, nahm an Praktikas teil und lernte (gefühlte 100) Schrittfolgen und Figuren.

Irgendwann landete ich bei zwei wundervollen Tangolehrerinen (Ich habe ja versprochen, keine Namen zu nennen). Sie vermittelten mir, wie sich eine Frau fühlt, wenn sie mit mir tanzt - und - wie sie sich dabei fühlen sollte; was für ein Unterschied - kein Wunder, dass sich keine Frau beim Tanzen(!) in mich verliebt hat.

Sie tanzten mit mir, korrigierten mich und gaben mir viele sehr gute Hinweise. Erst jetzt begann ich zu begreifen, was mit Tango wirklich gemeint ist!

Nun, wenn ich heute erlebe, dass eine Frau, nach dem Tanzen mit mir, mit einem breiten Lächeln zu ihrem Platz zurückkehrt...

...wenn eine Frau nach dem ersten Tanz mit mir strahlend sagt, "als ich dir zugeschaut habe, habe ich gewußt wie es sein wird".

...wenn ich nachts im Bett immer noch einen bestimmten Tanz vom Abend fühle, dann ist das:

 

 

Mein Tango argentino

....hinterlässt manchmal wunderbare Erinnerungen an etwas,

das nie geschehen ist.

 

Tango ist für mich Hobby, Therapie, Bewegung, Begegnung, Musik, Poesie, der Ausdruck von Gefühlen und Stimmungen; und manchmal, auch ---- eine "Drei-Minuten-Affäre" vor aller Augen.

Gefühle und Stimmungen, die abhängig sind von meiner aktuellen Situation, von der, wie auch immer gearteten Beziehung zu der Frau, mit der ich gerade auf der Tanzfläche bin.

tango

Tango ist eine Sprache; und ab und zu bin ich auch mal "sprachlos" oder "mir fehlen einfach die Worte".

"Einen Tango kann man mit einem Finger schreiben, aber nicht ohne Seele" (Discepolo). Und, "Tango ist ein sexueller Tanz bis hin zur Musik ", wie Carmen Calderón einmal sagte.

 

Tango argentino

"Choreographisch betrachtet ist der Tango ein Tanz, der denen gehört, die ihn tanzen - und das sind die engumschlungenen Paare ". (Aravena 1989.3.14)

Das Entscheidende beim Tango bleibt das Miteinander, tanzendes Fühlen und das Gehen, als die elementarste und doch schwerste aller Bewegungen. "Wer den Tango gut tanzen kann, der geht gut; aber dazu braucht man zehn Jahre. Um eine Figur zu lernen, zehn Minuten". (der Tänzer Eduardo im Interview mit Fabiana Basso, Tangoinfo Nr. 6)

 

Es geht also nicht um festgelegte Schritte oder Figuren

Es geht also nicht um festgelegte Schritte oder Figuren, obgleich sie sich beschreiben lassen und sich im Laufe der Entwicklung des Tangos sichtbar verändern, differenzieren, sich unterschiedlichen Tanzstilen zuordnen lassen und sich mit ihnen auch die Tanzhaltung  verändert.

"Bis der Tango auf sich aufmerksam machte, war der Tanz nur ein Austausch von Figuren zwischen Mann und Frau gewesen, so etwas wie ein Dialog mit Schritten.

Im Tango - und darin liegt die Revolution - machen Mann und Frau aus diesem ewigen Kontrapunkt Harmonie: Sie sind zwei Stimmen des gleichen choreographischen Akkords". (Ferrer, 1980, Band l, S.53)

 

 

Von 'fehlender Gleichberechtigung' ......zu sprechen, ist missverständlich.

 

gleichberechtigung

Von 'fehlender Gleichberechtigung' im Zusammenhang mit der klassischen Rollenzuweisung im Tango zu sprechen, ist missverständlich.

Die scheinbare Dominanz des Mannes ist in Wirklichkeit eine, die die Frau ihm zeitweilig gewährt; die sie mitbestimmt. Maria Nieves, langjährige Partnerin von Copes sagt, "dass die Frau achtzig und der Mann zwanzig Prozent ist, aber ich werde dem Copes fünfzig zu fünfzig zugestehen, - weil er selbst von einem Gleichgewicht spricht.  Im wirklichen Leben ist die Frau dem Manne praktisch ebenbürtig, und ebenso im Tanz".

Hierzu ist es wichtig die Rolle des Machismo in der argentinischen Gesellschaft zu begreifen, die subtile Macht der Frau, die gleichzeitig bereit ist, einem traditionellen Bild von Frau und Weiblichkeit zu entsprechen.

 

Dabei soll nicht verloren gehen, dass dort die Rollenverteilung im Tango, die dem Mann eine aktive und verantwortliche Rolle, der Frau eine passive Rolle zuweist, anfangs eng verknüpft erschien mit sexuellen Bedürfnissen des Mannes und finanziellen Bedürfnissen der Frau und damit keine Grundlage für eine freie Entscheidung von Seiten der Frau bot.

 

Im Tango als Tanz manifestiert sich eine deutliche Auseinandersetzung um die Geschlechterrollen. Sie werden sowohl immer noch eingehalten, als auch immer wieder aufge-brochen; beides kann Ausdruck sozialer oder individueller Bedürfnisse sein.

 

 

Die Haltung ....so nah wie tanzend nur irgend möglich

 

 

 

Die Haltung beim Tango entwickelte sich zunächst aus dem Bedürfnis heraus dem Partner so nah wie tanzend nur irgend möglich zu sein.

(die "Lizenz zum Anfassen" ;-)

 

Sie wird von Carmen Calderón (in Hanna, 1993), eine der wenigen Tänzerinnen, die es im Tango zu Berühmtheit gebracht hat, sinngemäß folgendermaßen beschrieben:

 

"Die Körper berührten sich fast vollständig, die rechte Hand des Mannes greift weit um die Taille der Frau herum, der linke Arm der Frau schlingt sich je nach Größenverhältnis um seinen Nacken oder ruht auf seinem rechten Oberarm, so dass sie sich auf seiner rechten Schulter leicht abstützen kann.

 

 nähe

 

Die beiden freien Arme halten sich an den Händen gefasst und werden bis fast über Kopfhöhe erhoben.

Die Führung in dieser Haltung kann über wechselnden Druck der Hand des Mannes in der Taille der Frau erfolgen, liegt aber im Wesentlichen darin, dass die Frau einen Teil ihres Gewichtes an den Mann abgibt, sich leicht anleimt und sich auf diese Weise perfekt an die Schritte des Mannes, die sie nicht kennt, anpassen kann.

 

Alle Figuren, teilweise etwas brutal und vulgär, sind Aktivitäten des Mannes, die geführt werden, denen die Frau folgt und in die sie Verzierungen einfügen kann, jedoch ohne den Fluss des Tanzes, den der Mann bestimmt, zu stören".

 

 

Vom Mann werden Klarheit, Sicherheit und Festigkeit......Von der Frau wird eine völlige Hingabe verlangt

 

hingabe

 

Es ist dies die typische eigenwillige Haltung des Tangos der frühen 20er Jahre, in dem das Bild der ineinander verschlungenen Paare vorherrscht.

 

Diese Haltung ermöglicht eine unmittelbare Übertragung der Körperbewegungen des Mannes auf den Körper der Frau.

Vom Mann werden Klarheit, Sicherheit und Festigkeit in der Bewegung verlangt, ohne jedoch hart und unnachgiebig zu sein, was den Bewegungsfluss unterbrechen würde.

Von der Frau wird eine völlige Hingabe verlangt, eine Geschmeidigkeit des Körpers, ohne dabei an Spannung oder Aufmerksamkeit für plötzliche Veränderungen zu verlieren.

 

Dabei wird diese Haltung jedoch an keiner Stelle als einzig richtige festgeschrieben, vielmehr kann es als gesichert gelten, dass es immer so viele Tanzhaltungen gab und gibt, wie es unterschiedliche Paare und Stimmungen gibt. "Was jedoch meist gilt ist, dass die Frau dazu verpflichtet, ist ihm zu folgen; der Mann ist der Schöpfer". (die Tänzerin Calderón)

 

Es sind klare Rollenvorstellungen, mit denen wir es hier zu tun haben. Rollenvorstellungen, die im ersten Moment erschreckend einfach und stigmatisierend wirken können, jedoch keines von beidem sein müssen - hier sind sie zunächst Ausdruck einer Zeit, einer Gesellschaft, einer Entwicklung und damit auch eines Bedürfnisses.

 

 

Einem Tanz, der .... die Begegnung von Mann und Frau in den Mittelpunkt stellt

 

begegnung

 

Mit der Zeit gewinnt der Tango argent. an unterschiedlichen Facetten, es entsteht neben einem Tanz, der das reine Fühlen, die Begegnung von Mann und Frau in den Mittelpunkt stellt, ein Interesse an der Bewegung als Form künstlerischen Ausdrucks.

An diesem Punkt, an dem die Figuren komplizierter und komplexer werden, kann die enge Tanzhaltung als störend empfunden werden, da sie sowohl den Mann in seiner Bewegungsfreiheit einschränkt, als auch der Frau wenig eigene Bewegungsräume zugesteht.

 

 

Immer noch ist der Tango eine Begegnung zwischen zwei Menschen, richtet sich nach Innen, nicht nach Außen

 

Märquez, ein alter Milonguero meint: "Wenn ich also meine Sachen machen möchte, muss ich die Verbindung zur Frau lösen. Also ehrlich gesagt, möchte ich nicht, dass wir zusammen einschlafen. Ich will, dass sie sich etwas entfaltet und irgendwas macht".

 

Mit dieser inneren Haltung verändert sich auch die äußere Tanzhaltung, die Partner lösen sich voneinander, die Führung bleibt beim Mann, gesteht der Frau aber einen eigenen Raum zu.

Durch den vergrößerten Abstand der Partner zueinander wird dem Mann ein Teil der Führungsmöglichkeit über den direkten Körperkontakt genommen. Die Körperführung verändert sich, bleibt aber weiterhin bestehen.

 

haltung

 

Die Frau orientiert sich am Oberkörper des Mannes, sucht einen gleichmäßigen Abstand und versucht die Parallelität der Oberkörper, das heißt den Kontakt, niemals aufzugeben. Gleichzeitig bemüht sich der Mann durch einheitliche Bewegungen von Oberkörper und Armen der Frau eindeutige Signale zu geben.

 

Immer noch ist der Tango eine intime Begegnung zwischen zwei Menschen, richtet sich nach Innen, nicht nach Außen, verliert jedoch etwas von dem Versuch, eine intensive körperliche Nähe herzustellen, die vorher allein durch die äußere Situation limitiert war.

 

Märquez formuliert: "Ein paar Schritte, du erfindest was und fertig; du tanzt es einfach. Es geht nicht darum, sich fürchterlich aufzublasen oder so, es ist etwas Zartes und Gutes".

Mit dieser allmählich vollzogenen Lösung der Partner aus der engen Umklammerung, werden die Drehungen des Tangos der 40er Jahre und die eleganten und ausgreifenden Schritte des Salontangos möglich.

 

Der Tango ist Improvisation, Ausdruck der Gefühle, muss daher "führbar" sein - und er entsteht in jedem Augenblick neu.

 

Jeder einzelne Tango ist die immer neue aufregende Begegnung zwischen Mann und Frau - und hinterlässt manchmal wunderbare Erinnerungen an etwas, das nie geschehen ist.

 

 
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